Kommentar zur Debatte über die deutsche Sprache, Leitkultur und die Prägung unseres Weltbildes

Als Drittklässler konnte ich als erste Fremdsprache zwischen Englisch und Latein wählen. Ich entschied mich für Englisch, weil auf CNN die Kindersendungen auf englisch waren. "Fun Factory" hieß die Sendung, wo ein grünes Krokodil und Ray Cokes die brandneuen "He-Man"-Serien anmoderiert haben. Ich liebte die englische Sprache. Als ich aufs Gymnasium kam, durfte ich eine weitere Fremdsprache wählen: Französisch. Das passte wunderbar, weil ich in dieser Zeit meine Halbgeschwister in Frankreich kennengelernt habe. Kinder aus der ersten Ehe meines Vaters. Alle fünf Geschwister sind mit der chinesischen Mutter als flüchtende Boatpeople ausgewandert und als stolze Franzosen im Dorf Aurillac untergekommen. Mein Halbbruder sagte damals immer zu mir, ich solle in der Öffentlichkeit nicht sagen, dass ich sein Bruder sei. Wegen dem Amt und so. Und wegen der Geheimdienste und so. Undurchsichtige Geschichten. Mehrschichtige Geschichten. Geschichten, die viele Einwanderer, vor allem Geflüchtete, kennen. 

Ich liebte es, die ersten französischen Brocken im Gespräch mit meinem Halbbruder zur Anwendung zu bringen. Mein Halbbruder Paul, der wie alle anderen Halbgeschwister einen echten französischen Vornamen trug (Bernadette, André, Eisabeth), war für mich ein großes Vorbild. Komplett mit Vokuhila-Frisur und Diesel Blue Washed Jeans. Ich lernte schnell englisch und französisch und halte in beiden Sprachen heute sogar Vorträge. Später habe ich mich für türkisch interessiert, weil ich in eine Türkin verliebt war. Und dann habe ich spanisch gelernt (und Salsa-Tanzen). Dreimal dürft Ihr raten, warum. 

Sprachen lernt man besonders schnell, wenn man einen persönlichen Bezug zu der Sprache hat. Das sagen Wissenschaftler wie Hirnforscher Gerald Hüther. Und ich kann es bestätigen.

Die Frage ist, warum sprechen so viele Deutsche in Deutschland kein Deutsch. Oder so bruchhaft? Ja klar ist Deutsch eine schwere Sprache. Doch welche Sprache ist es nicht? Wie kann man nur die Deutsche Sprache nicht sprechen wollen, mögen sich Rilke-Fans fragen. Die holde Sprache Goethes. Die visionäre Sprache des Grundgesetzes. Die revolutionäre Sprache Martin Luthers. 

Warum es uns die deutsche Sprache mitunter so schwer macht

Ich habe drei Theorien, warum viele Menschen in Deutschland in andere Sprachen ausweichen:

1. Weil Deutsch unangenehm willkürlich ist und voller Schikanen, die Ausländer*innen in den Wahnsinn treiben! Warum ist "das Mädchen" sachlich und nicht weiblich? Warum heißt es Schirmherrin und nicht Schirmfrau und wieso zum Teufel werden Briefe der Behörden nicht in einfacher Sprache verfasst? Warum gibt das Alphabet nicht den phonetischen Ausdruck der Buchstaben wieder? Das "e" in der Deutschen Sprache wird allein in dem Wort "Ente" oder "reden" völlig willkürlich ausgesprochen. Hinzu kommen phonetische Terroristenpaare wie "ei" ("Leid" und "geirrt"), "ie" ("Batterie" und "Materie") und viele andere hinzu. Nehmen wir das "ch" in "ich". Das wird völlig anders ausgesprochen als in "wach". Die Araber haben sich für diese wichtigen Nuancen verschiedene Zeichen ausgedacht. Die Chinesen auch. Die Türken ebenfalls. Wieso schreiben die Schweizer, die Österreicher, die Bayern, die Franken nicht so wie sie sprechen? Haben die sich das von den Franzosen abgeschaut, die gefühlte 20% des Buchstabenmaterials im Satz nicht aussprechen? 

2. Weil die Deutsche Sprache für eine reibungsfreie Verständigung ungeeignet ist! Hier ein Beispiel: "Ich sage Ihnen für diesen Job, für den Sie sich beworben haben, und der mit einem Mindestlohn im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen vergütet wird, im Namen des gesamten Kollegiums, allerdings unter Vorbehalt des Vorstandes (der erst am Wochenende Ihre Bewerbung einsehen kann) ab." Ach würden doch Personaler*innen ein wenig mehr Goethe zulassen. Wir wissen, dass Goethe bekannt war für kurze Hauptsätze. Und auch von dem übermäßigen Gebrauch von Adjektiven hielt er nicht viel. Die finden eh nur Deutschlehrer*innen geil.

3. Weil die Deutsche Sprache gnadenlos offenlegt, was hier gedankliches Allgemeingut ist. Wenn Worte verletzen können, dann tun sie es in der Deutschen Sprache sehr oft. Hier wird kurzerhand jeder Mensch, der nicht "weiß" ist als "fremd" deklariert. Bekanntermaßen hat die NSU elf Deutsche (die Opfer waren zwar Migranten, aber keine Ausländer!) aus "fremdenfeindlichen" Motiven ermordet. Woher wissen die Berichterstatter, dass die Opfer sich als Fremde gesehen haben? Asylsuchende werden kurzerhand zu "Asylbewerbern". Als ob Asyl ein Job wäre, auf den man sich bewirbt. Asyl ist wie die Meinungs- oder Pressefreiheit eines von 19 Grundrechten, die das demokratische Fundament  des postfaschistischen Deutschlands darstellen. Man bewirbt sich ja auch nicht für Meinungs- oder Pressefreiheit. Worte wie "Flüchtlingswelle" suggerieren, dass es sich um Naturkatastrophen handelt. Dabei wissen Historiker*innen, dass die Armut und die Unruhen in afrikanischen Ländern und im arabischen Raum auch mit deutscher Außenpolitik (früher nannte man das Kolonialpolitik) zusammenhängt. Und dann gibt es noch weitere unsägliche Begriffe wie "Wirtschaftsflüchtling", "Leitkultur" oder "Islamophobie", die einen Migranten wie mich, der nicht vor politischer Verfolgung geflohen ist, niemals "weiß" aussehen wird und viele muslimische Freunde hat, permanent in Frage stellt.

Das Verbindende anerkennen – von anderen Kulturen lernen.

Dabei könnte alles ganz anders sein. Wir könnten die Zuwanderung der Physiker*innen, Biologen und Chemiker*innen aus Syrien als Chance begreifen, unsere Lücken im Lehrerkollegium auszugleichen. Wir könnten nun aus erster Hand von den vielen arabisch sprechenden Menschen erfahren, was der Islam ist. Wir können davon ausgehen, dass die Muslime, die vor dem IS flüchten, den IS nicht cool finden. Niemals war es so einfach wie heute, arabisch zu lernen. Die Sprache des Korans, die Sprache des Philosophen Hafis, den Goethe so sehr verehrte. Die Sprache einer Kultur, die dem Abendland Gewürze, Kaffee, Sofas, Schach, die moderne Chirurgie und Steve Jobs brachte (Jobs war Sohn syrischer Einwanderer). Die vielen kurdischen Einwanderer können uns helfen, die türkisch-kurdische Völkerverständigung voranzutreiben. In Deutschland gibt es kein Kurdisch-Verbot (anders als in der Türkei). Das ist eine Riesenchance. Der Berliner Gelehrte Mamoun Yacouby zeigte in einem Workshop zum Tag der Grundrechte die Parallelen zwischen dem Grundgesetz und den Koran auf. Die "Würde des Menschen" kommt im Koran ebenfalls vor. Unglaublich, wie ähnlich sich manche Suren der heiligen Schrift und Artikel des "heiligen" Grundgesetzes sind. Lasst uns das Verbindende anerkennen. Und von anderen Kulturen lernen.

Die Weisheit des Grundgesetzes

Sprachen lernt man besonders schnell, wenn man einen persönlichen Bezug hat zu der Sprache. Wer nach Deutschpflicht auf deutschen Schulhöfen ruft, vergeudet Kräfte im geschlossenen Konservatismus, die in einer offenen Gesellschaft neue Möglichkeiten freisetzen kann. Natürlich ist nichts Falsches daran, Deutsch in Deutschland zu sprechen. Es ist aber auch nichts Falsches daran, in einem Land, in dem jeder Fünfte Deutsche eine Migrationsgeschichte hat, auch Türkisch, kurdisch, arabisch oder albanisch und vietnamesisch zu sprechen. Das Grundgesetz hat diese Situation in weiser Voraussicht vorhergesehen und gleich in Artikel 2 geschützt. Und schiebt gleich in Artikel 3 nach, dass sogar die Weltbilder und Religionen hinter den Sprachen in ihrer Ausübung nicht gestört werden dürfen. 

Schule und Bildung sollen das Entstehen anderer Freundschaften und Weltbilder ermöglichen

Ein Deutschland, in dem im Geschichtsunterricht nicht nur über die Nazizeit gesprochen wird, sondern auch über den Syrienkonflikt, über den Armenienkonflikt in der Türkei, über deutsche Kolonien in China und Namibia. Das wäre doch mal was. Da kann man gleich dazu die türkischen, chinesischen, armenischen und namibianischen Schüler*innen und deren Eltern in der Schule als "Experten" einbinden. Ein Deutschunterricht, in dem die Herkunft von äthiopischen Kaffeekirschen behandelt wird. Ein Philosophieunterricht, in dem nicht nur "weiße" Philosophen wie Kant oder Heidegger zitiert werden, sondern auch indische, pakistanische, kurdische oder kasachische. Seefahrer und "Entdecker" würden nicht mehr nur auf Kolumbus beschränkt sein, sondern hießen auch Cheng He. Nie war der Zeitpunkt, den eigenen Horizont zu erweitern so einfach wie heute. Lasst uns persönliche Bezüge herstellen, dann lernen wir nicht nur andere Sprachen leichter. Sondern erschließen uns auch andere Freundschaften und andere Weltbilder. Dann werden wir hoffentlich das längst überfällige und vermutlich grösste Aufarbeitungsprojekt Europas der nächsten 10 Jahre angehen: die Überwindung der europäischen Ideologie der "Weißen Vorherrschaft".