Auf dem Höhepunkt des Andrangs von Flüchtenden in Deutschland im Herbst 2015 konkurrierten »Willkommenskultur« und Krisenangst. Brennende Hilfsbereitschaft gegenüber Geflüchteten stieß auf brennende Dachstühle von Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge und Asylsuchende.

In der Konfrontation mit dem Andrang von Geflüchteten war Deutschland als ein zwischen herzlicher Zuwendung und brutaler Abwehr gespaltenes Land. Die Spaltung ist geblieben.¹

Umso wichtiger sind vor dem Hintergrund von gesellschaftlicher Spaltung und kollektivmentaler Diffusion mit ihrem neuen Höhepunkt in der »Flüchtlingskrise« die Bemühungen um einen ideellen, sozialen und kulturellen Grundkonsens in der Einwanderungsgesellschaft. Ziel sollte es in jedem Falle sein, an die Stelle eines traditionsorientierten einen verfassungsorientierten ideellen Konsens treten zu lassen.

Aber was hält unsere kulturell immer vielfältiger werdende Einwanderungsgesellschaft eigentlich ideell zusammen? Welches sind die dazu nötigen und in Spielregeln von wirtschaftlichem Handeln, sozialer und politischer Kommunikation übersetzbaren konsensualen Grundideen, Werte und Normen?

Der ideelle Bogen geht hier aus von den vielgestaltigen, oft von Public Intellectuals mit dem sogenannten Migrationshintergrund wie den Autoren Navid Kermani², Naika Foroutan³, Zafer Senocak4 und vielen anderen5 in ihren Büchern, von der Regisseurin und Theaterintendantin Shermin Langhoff auf der Bühne oder von der in der Berliner Akademie der Künste 2016 von Johannes Odenthal und seinem Team präsentierten großen Ausstellung »Uncertain States« mit ihrem gewaltigen Begleitprogramm initiierten Anstößen. Herausfordernde Ergebnisse sind wissenschaftliche, literarische, szenische und im weitesten Sinne künstlerische Bestandsaufnahmen, Perspektiven und Visionen der kulturellen Hybridität im »postkolonialen« und »postmigrantischen« Zeitalter. 

Der Bogen spannt sich weiter über die von Harald Welzer, André Wilkens und anderen zwischen Buchdeckeln und auf Podien inszenierte, an Popper anschließende »Offene Gesellschaft«6 bis hin zu Münklers »Neuen Deutschen« 7 und zu der von mir selber immer wieder angesprochenen Frage nach dem ideellen »solidarischen Wir«, mit dem man den Begriff einer neuen kollektiven Identität füllen könnte8.

Eine für durch Keywords wie »solidarisch« oder »kollektiv« eher irritierbare Zeitgenossen vielleicht eingängigere Alternative wäre die von mir schon vor Jahren, über den vormaligen Integrationsbeirat der Bundesregierung, ganz bewusst forcierte Diskussion um einen kritisch reflektierten neuen, nicht traditionellen, sondern ideellen »Heimat«-Begriff. Das hat zuletzt auch Heribert Prantl mit den Stichworten »Heimat Demokratie – Heimat Sozialstaat – Heimat Europa« und mit dem kämpferischen Motto aufgegriffen: »In flüchtigen Zeiten Heimat schaffen, das ist Politik gegen die Parolen des Mobs.«

Bei diesem auch transkulturell erweiterten Heimatbegriff ginge es um die verschiedensten kulturellen Heimaten (im Plural) unter einer übergreifenden gemeinsamen ideellen Heimat, deren tragende Wertbezüge im Grundgesetz ankern. 

Die interkulturellen Identitäts- und Inklusionsdiskurse, die schon einen eigenen Buchmarkt haben, könnten über die »Flüchtlingskrise« von 2015/16 hinaus dauerhaft bedeutsam werden für einen von einer gemeinsamen ideellen Wertebasis getragenen, belastbaren demokratischen Grundkonsens in der Einwanderungsgesellschaft.

Er würde, so bleibt zu hoffen, auch streitbare Abwehr bieten gegen extremistische Angriffe von innen und außen; denn nichts ist für fundamentalistische Extremisten jedweder Provenienz lähmender als die Konfrontation mit einem in seinem demokratischen Grundkonsens selbstbewussten und nötigenfalls auch streitbaren Gemeinwesen, zu dessen Grundwerten das Streben nach interkultureller Akzeptanz und sozialem Frieden gehört.

Das aber muss im axiomatischen Rahmen des im Grundgesetz festgeschriebenen Grundwertekatalogs in einer Einwanderungsgesellschaft, die sich als offene Gesellschaft versteht, stets weiter ausdifferenziert, in seinen konkreten Postulaten und Perspektiven immer wieder neu ausgehandelt und sollte letztendlich auch durch eine Änderung des Grundgesetzes selbst gerahmt werden.