Im September findet die Interkulturelle Woche unter dem Motto "Vielfalt verbindet" statt. Vorab veröffentlichen wir einige Gastbeiträge aus dem Materialheft. Riem Spielhaus schreibt darüber, wie sich die Institutionen in der Einwanderungsgesellschaft verändern müssen.

Deutschland hat sich zuletzt doch ganz schön verändert. Sich immer weiter polarisierende Debatten hinterfragen die Integrationsfähigkeit und Zugehörigkeit der Nachkommen von Gastarbeitern, erregen aber auch immer stärker und sichtbarer Widerspruch. Immer mehr von denen, die gern als kaum integrierbar dargestellt werden, sind inzwischen in Positionen, die ihnen eine Einmischung in öffentliche Debatten erlauben. Die Berliner Migrationssoziologin Naika Foroutan nennt das so entstehende Potential für eine gesellschaftliche Bewegung ›die neuen Deutschen‹, die nicht nur durch ihre unterschiedliche Herkunft geprägt sind, sondern vor allem eine neue Vision von einem durch Vielfalt geprägten Deutschland teilen. Sie prangern rassistische Diskurspraktiken und Strukturen an.

Sie organisieren sich zunehmend, um Stigmatisierungen und Ausgrenzungen entgegenzutreten und machen die Pluralität der deutschen Gesellschaft sichtbar. Sie melden sich in Kunst und Kultur, im Theater, in den Medien, der Zivilgesellschaft, der Bundeswehr und anderswo zu Wort und stoßen dabei immer häufiger auf Resonanz. Was sie zu sagen haben, wird mittlerweile als gesellschaftlich relevant wahrgenommen.

Die häufig als Migrant*innen Markierten beanspruchen mit kreativen Strategien Sichtbarkeit, Teilhabe und Deutungshoheit. Die Gesellschaft, die sie auf die Bühne bringen, in ihren Texten beschreiben oder ihren Comiczeichnungen abbilden, hat rassistische Ausgrenzungen keineswegs überwunden. Sie ist geradezu besessen von einer Migration, die mehr als fünfzig Jahre zuvor stattgefunden hatte. Diese Gesellschaft arbeitet sich immer noch an dieser mehrere Generationen zurückliegenden Migration ab und grenzt ihre Kinder aus. Angst und Unbehagen gegenüber gesellschaftlichem Wandel werden zunehmend mit Migration verknüpft, die im öffentlichen Diskurs eine immer stärkere Rolle spielt. Sie ist zu einem der Kernthemen – geradezu zu einer Obsession – der Gesellschaft geworden.

Im postmigrantischen Theater wurde dieses Kernthema aufgegriffen. Kunstschaffende reagierten in ihren Stücken aber auch mit der kreativen Selbstbezeichnung als ›postmigrantisch‹ auf Diskurse und Zuschreibungen, denen sie als Migrant*innen Markierte kaum entkommen konnten. Sie knüpften damit an den dominanten Diskurs an, wurden in ihm sichtbar und schafften sich mit dem kleinen Suffix ›post‹ doch den nötigen Raum, um ihre Sicht auf die ganze Migrationsgeschichte auszudrücken. Die Theaterschaffenden griffen damit das Migrationsstigma auf, deuten es um und schaffen sich damit Spielraum. Das ›post‹ im postmigrantischen Theater schafft die nötige Irritation, um den auf Dauer gestellten Integrationsimperativ zu benennen und zurückzuweisen. Geht es nun um Migration oder nicht? Sind die schon integriert oder tun die nur so?

In den frühen 2010ern nannte die jetzige Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters Shermin Langhoff ihr Theater in Kreuzberg noch postmigrantisches Theater. Heute beansprucht sie hingegen, im Maxim Gorki ›neues deutsches Theater‹ auf die Bühne zu bringen. So nennen sich auch die über 80 zivilgesellschaftlichen Initiativen aus ganz Deutschland, die im Februar 2015 in Berlin unter der Überschrift ›Deutschland neu denken‹ zusammenkamen, ›Neue Deutsche Organisationen‹. Die Klammer, die Vereine wie Deutsch-Plus, Typisch Deutsch, Deutscher Soldat und Buntesrepublik zusammenhält, ist nicht irgendeine gemeinsame Herkunft, sondern das Bekenntnis zu einer pluralen Gesellschaft, das gleichzeitig auch die Forderung nach Anerkennung eben dieser Realität enthält. Sie verstehen sich als Teil der Zivilgesellschaft, wollen nicht als Empfänger von Integrationsmaßnahmen betrachtet werden, sondern beanspruchen, die Gesellschaft auf ihren verschiedensten Ebenen mitzugestalten. Gleichzeitig streben diese Akteure eine deutlichere Sichtbarkeit für die Vielfalt der deutschen Bevölkerung an.

In einem programmatischen Aufsatz hatte die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan 2010 eine sehr offene Definition der ›Neuen Deutschen‹ aufgestellt. Ihr Verständnis der Bewegung geht weit über einen unverbrauchten Namen für Eingebürgerte oder zweite, dritte, etc. Generation Eingewanderter1 hinaus. Foroutan zufolge verläuft die Trennungslinie nicht mehr zwischen (vermeintlich) multiethnischen und monoethnischen Bürger*innen, die Menschen und ihre Zugehörigkeit zu Gesellschaft und nationalem Gefüge aufgrund der Vorfahren ordnet. Nicht das Selbstverständnis Deutschlands als Nation aufgrund von gemeinsamer Abstammung bestimmten über neu und alt, sondern zwei unterschiedliche Vorstellungen von Deutschland, die in Debatten über das nationale Selbstverständnis und die Zukunft des Landes immer spürbarer aufeinanderprallten. ‚Neue Deutsche‘ sind nach diesem Verständnis alle, die für eine plurale unter anderem durch Einwanderung geprägte Gesellschaft einstehen – unabhängig von ihrem Aussehen, Namen oder Familiengeschichte.

Immer mehr Initiativen mischen sich in die Debatten um nationale Identitäten ein, um klarzustellen, »dass Deutschsein inzwischen mehr ist, als deutsche Vorfahren zu haben« wie Ferda Ataman, Journalistin und Mitglied im Vorstand der Neuen Deutschen Medienmacher, in der Eröffnungsrede zur ersten Konferenz der Neuen Deutschen Organisationen 2015 erklärte. Diese neuen Initiativen mache Ataman zufolge aus, dass sie sich für Chancengleichheit und gegen Ausgrenzung, für Anerkennung und gegen Rassismus einsetzten. Damit knüpften sie zwar an die jahrzehntelange Arbeit von Migrantenselbstorganisationen, von Ausländer- und Integrationsbeiräten an, unterschieden sich jedoch grundsätzlich von den ethnisch organisierten Vereinen der Eingewanderten. Vor allem zeigten sie Ataman zufolge ein Selbstbewusstsein als Mitglieder der Gesellschaft, die sich nicht mehr separieren und auch nicht mehr marginalisieren lassen. Wer ihr Anliegen teilt, erklärt Ataman, sei herzlich willkommen: »Man engagiert sich zusammen, ganz egal, wie lange oder kurz die Vorfahren auf dem Gebiet der Bundesrepublik leben«.

Der von deutschen Offizieren und Offiziersanwärtern mit und ohne Migrationshintergrund gegründete Verein Deutscher Soldat kämpft für »ein Deutschland des Miteinanders, in dem gemeinsame Werte schwerer wiegen als sichtbare Unterschiede«2. Die Deu­Kische Generation e.V., ein deutsch-türkischer Jugendverein, arbeitet in Kooperation mit Schulen für die Chancengleichheit junger Menschen3. Deutsch Plus versteht sich als Initiative für eine plurale Republik4 und die Buntesrepublik e.V. wirbt für »ein echtes Miteinander«5. Die neuen deutschen Medienmacher setzen sich »für mehr Vielfalt in den Medien ein: Vor und hinter den Kameras und Mikrophonen«6.

Unter dem Label neue deutsche Organisationen koordinieren also Vereine aus verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen ihr gemeinsames Interesse an einer Gesellschaft, die nicht nur rechtliche Gleichstellung garantiert, sondern sich für Chancengleichheit in allen Bereichen engagiert. Hier sind Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte, mit und ohne Stigmatisierungserfahrung aufgrund ethnischer oder rassistischer Zuschreibungen engagiert. Damit eröffnen sie ein Feld jenseits der Migrantenselbstorganisationen und passen folglich auch nicht mehr in das dominierende Paradigma, das Menschen entlang der Herkunft ordnet.

Der hier für die Bühnen der Hochkultur geschilderte Bürgerschaftsdiskurs wird momentan also auch in anderen Institutionen dieser Gesellschaft geführt. Er zielt auf die Teilhabe und Gleichbehandlung aller gesellschaftlichen Akteure ab und kritisiert ungeschriebene, aber dennoch wirkmächtige Grenzziehungen im Bildungssystem, in den Medien sowie in Kunst und Kultur. An Bildungsmedien wird zunehmend die Erwartung gerichtet, die Diversität der Schülerschaft zu spiegeln und Fragen religiöser und kultureller Pluralisierung aufzugreifen.

Während die Änderung des deutschen Staatsbürgerschaftsgesetzes rechtliche Gleichstellung für die Nachkommen ehemals Eingewanderter geschaffen hatte, zeigen sich die Narrative des deutschen Selbst ebenso wie institutionelle Strukturen resistent gegen derartige Veränderungen. Wie auf den Bühnen, bemängeln die Neuen Deutschen, kommt die Vielfalt der Bevölkerung in den Erzählungen, dem angesprochenen Publikum und unter den Akteuren subventionierter und staatlicher Einrichtungen viel zu selten vor.

Fußnoten
1          Mit ihrer Buchpublikation »Wir neuen Deutschen. Wer wir sind, was wir wollen« vertreten drei Journalistinnen der Wochenzeitschrift ›Die Zeit‹ ein etwas anderes Selbstverständnis von Neuen Deutschen als positive Identifikationsschablone für Eingebürgerte, das die von Foroutan zurückgewiesene Trennungslinie zwischen Alteingesessenen und Eingewanderten beibehält (Bota/Topçu/Pham 2012).
2          Selbstdarstellung auf: www.deutschersoldat.de/ [17.03.2017].
3          Selbstdarstellung auf: www.deukischegeneration.de/deukisch.php [28.12.2015].
4          Selbstdarstellung auf: www.deutsch-plus.de [17.03.2017].
5          Selbstdarstellung auf: www.buntesrepublik.org [17.03.2017].
6          Selbstdarstellung auf: www.neuemedienmacher.de [17.03.2017].

Literatur
Ataman, Ferda 2015: "Warum es Zeit ist, dass wir uns treffen". Rede auf dem Bundeskongress der Neuen Deutschen 2015. 15.2.2015 in Berlin. http://neue-deutsche-organisationen.de/de/positionen/ [10.12.2015].

Bota, Alice /Topçu, Özlem/Pham, Khuê 2012: "Wir neuen Deutschen. Wer wir sind, was wir wollen". Reinbek: Rowohlt.

Butler, Judith 2006: Hass spricht. Zur Politik des Performativen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Foroutan, Naika 2010: Neue Deutsche, Postmigranten und Bindungs-Identitäten. Wer gehört zum neuen Deutschland? In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 46-47: 9-15.

Kontny, Oliver 2014: Zur Ethnisierung von Konflikten Repräsentation, Patizipation und Dritte Räume. Vortrag beim 4. Bundesfachkongress interkultur_DIVERSITY. Realitäten, Konzepte, Visionen in Hamburg, gehalten am 25. 10. 2012. Vortragsmitschnitt: http://www.youtube.com/watch? v=ulsZYfbkw4A [25.12.2015].

Kosnick, Kira 2004: The Gap between Culture and Cultures: Cultural Policy in Berlin and its Implications for Immigrant Cultural Production. EUI Working Papers. Badia Fiesolana.

Modood, Tariq 2002: The Place of Muslims in British Secular Multiculturalism. In: Nezar Alsayyad/Manuel Castells (Hg.) Muslim Europe or Euro-Islam: Politics, Culture, and Citizenship in the Age of Globalization, Lanham MD: Lexington, 113–30.

Römhild, Regina/Bojadžijev, Manuela 2014:  Was kommt nach dem »transnational turn«? Perspektiven für eine kritische Migrationsforschung. Berliner Blätter, Heft 65: 10-24.

Salzmann, Marianna 2012: Sie missüberschätzen uns. Über den Versuch, das Mittelstandsperlenkettchen wie ein Lasso um das Ballhaus Naunynstraße zu werfen – Eine Komödie. TRANSIT  Jg. 8, Heft 1: 1–4.

Sharifi, Azadeh 2011a: „Postmigrantisches Theater- Eine neue Agenda für die deutschen Bühnen.“ In: Schneider, Wolfgang (Hg.): Theater und Migration: Herausforderungen für Kulturpolitik und Theaterpraxis. Bielefeld: transcript, 35–45.

Sharifi, Azadeh 2011b: Theater für Alle?: Partizipation von Postmigranten am Beispiel der Bühnen der Stadt Köln. Frankfurt am Main: Peter Lang.

Sharifi, Azadeh 2014: Blackfacing, Kunstfreiheit und die Partizipation von Postmigrant_innen an den Stadttheatern. In: Heinrich Böll Stiftung: Dossier THEMA Theater und Diskriminierung. www.migration-boell.de/web/integration/47_3281.asp [25.12.2015].

Sieg, Katrin 2015: Race, Guilt and Innocence: Facing Blackfacing in Contemporary German Theater. http://stopblackface.com/race-guilt-and-innocence-facing-blackfacing-in-... [28.12.2015].

Spielhaus, Riem 2014: Studien in der postmigrantischen Gesellschaft: Eine kritische Auseinandersetzung. In 4. Bundesfachkongress interkultur_DIVERSITY. Realitäten, Konzepte, Visionen. Hamburg: Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg, 96–100.

Spielhaus, Riem 2016: „Deutschland, wir müssen reden!“– Integrationsdebatten in der kabarettistischen und stand-up Performance von Humoristen muslimischer Herkunft. In: Leontiy, Halyna (Hg.): Tragikomik. Neueste Forschungsbeiträge zur Komik und Satire in Migrations- und Kulturkontexten. Wiesbaden: Springer Verlag.

  Materialheft: Gliederung 2017 Kategorie: Themen und Perspektiven der Vielfaltigkeitsgesellschaft Autorin:Riem Spielhaus Weitere Informationen:

Prof. Dr. Riem Spielhaus ist Islamwissenschaftlerin. Sie arbeitet am Seminar für Arabistik/Islamwissenschaft an der Universität Göttingen. Außerdem ist sie Leiterin der Abteilung Schulbuch und Gesellschaft des Georg-Eckert-Instituts in Braunschweig.

Der Text erschien im aktuellen Materialheft der Interkulturellen Woche 2017 unter dem Motto "Vielfalt verbindet". Hier findet ihr das ganze Heft.