Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière bei der Podiumsdiskussion in Frankfurt/Oder Quelle: Nina Cottrell/bpb
Julia Mi-ri Lehmann, 23.01.2015
Die Frage nach dem „wir“ im wiedervereinigten Einwanderungsland Deutschland
Zu diesem Zweck fanden sich am vergangenen Montag Personen allen Alters -mit und ohne Migrationshintergrund- bei der Veranstaltung „Was ist ‚deutsch‘? Identität(en) und gesellschaftliche Gestaltungskraft“ in Frankfurt/ Oder zusammen. Eingeladen hatten das Bundesministerium des Inneren und die Bundeszentrale für politische Bildung.
Ziemlich schnell war klar, dass alle Teilnehmer „Identität“ als etwas sehr Individuelles und Dynamisches empfinden. Dementsprechend fanden es die meisten auch schwierig, von typisch deutschen Eigenschaften zu sprechen. Dieser positive Umgang mit vielfältigen Identitäten ist ein erstrebenswertes Zeichen unserer Zeit. Er entspricht nicht nur der Realität einer Einwanderungsgesellschaft, sondern ist auch Ausdruck einer gelebten freien Entfaltung der Persönlichkeit. Es ist daher erfreulich, dass die Anerkennung und Wertschätzung einer „hybriden“ Identität mittlerweile zum Mainstream geworden ist und besonders von Vertretern der jüngeren Generation als selbstverständlich und bereichernd empfunden wird. Zeit also, das Konzept der Assimilierung (endlich!) grundlegend zu hinterfragen: Jeder, der von Zuwanderern verlangt, dass sie sich anpassen sollen, muss sich im Klaren darüber sein, dass die deutsche Leitkultur, wenn, dann nur in seiner gelebten Pluralität existiert.
Übrig bliebe dann noch die Frage des sozialen Zusammenhalts. Statt „Identität“ war „Identifizierung“, im Sinne einer Bereitschaft sich für das Gemeinwohl einzusetzen, für viele Teilnehmer das Stichwort. Die genannten Beispiele machten aber deutlich, dass wer sich wann, wo und wie für das Gemeinwohl einsetzt keine Frage des Migrationshintergrunds ist. So könnte man zum Beispiel auch fragen, wie es eigentlich mit der Identifizierung von deutschen Großunternehmen aussieht, die Gewinne in Steueroasen anlegen oder von Superreichen, die sich bewusst von der Gesellschaft exkludieren.
Somit hat die Veranstaltung insgesamt gezeigt, dass die Unterteilung in „wir“ (die autochthonen Deutschen) und die „anderen“ (Menschen mit Migrationsgeschichte) nicht nur faktisch falsch, sondern auch wenig zielführend ist, wenn wir die Herausforderungen der heutigen Gesellschaft lösen wollen. Anstatt uns also weiterhin exzessiv mit der Identität, Identifikation oder Anpassung der sogenannten „Anderen“ zu beschäftigen, sollten wir lieber alle einladen, sich gemeinsam mit den aktuellen und drängenden gesellschaftspolitischen Fragen zu beschäftigen, wie zum Beispiel: Wie sieht die Wirtschaft der Zukunft aus? Wie soll unser Bildungssystem verfasst sein? Wie nachhaltig wollen wir leben? Wie wollen wir unsere Stadt gestalten? Wie können wir gleichberechtigte Teilhabe für alle gewährleisten?
Man könnte das auch demokratische Willkommenskultur für alle nennen.





