Jugendliche sind besonders viel im Netz unterwegs, erfahren Hate Speech und sind anfällig für rechtspopulistische Ansprache. Das Projekt „debate// für digitale demokratische Kultur“ der Amadeu Antonio Stiftung beschäftigt sich genau damit. Projektleiterin Christina Dinar sprach mit DeutschPlus über Digital Streetwork, überforderte Schulsozialarbeit und Jan Böhmermanns Einsatz gegen rechts.

Du leitest das Projekt debate. Ich habe gelesen, dass ihr dabei Online-Präventionsansätze für junge Menschen in sozialen Netzwerken gegen die Verbreitung von Hate Speech entwickelt. Was heißt das konkret?

Christina Dinar: Wir setzen in dem Projekt verschiedene Strategien um. Zum einen machen wir sogenannte Digital Streetwork. Das ist aufsuchende soziale Arbeit im Netz. Aufsuchende Arbeit macht die klassische Jugendsozialarbeit auch – auf der Straße, im Jugendklub. Nur unser Jugendklub und unsere Straße ist das Netz. Da machen wir modellhaft Testläufe und schauen, wie man Jugendliche ansprechen kann, die auf dem Weg zu einem geschlossenen Weltbild sind. Unser Kerngebiet ist dabei Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. Der andere Teil des Projektes besteht darin, Multiplikator_innen zu schulen – vor allem in der Sozialarbeit und Schulsozialarbeit. Wir entwickeln Materialien für den Umgang mit Hate Speech im Netz für die Schule und darüber hinaus.

Warum fokussiert ihr euch in dem Projekt auf Jugendliche?

Dinar: Laut JIM-Studie sind 98 Prozent der Jugendlichen über zwei Stunden am Tag im Netz. Ein großer Teil von denen ist sogar vier Stunden täglich im Netz. Wir arbeiten ja nicht nur mit den Jugendlichen, sondern auch mit dem kompletten Umfeld: Mit der Schule, Sozialarbeiter_innen, Eltern.

Wenn man sich diejenigen anguckt, die den Hass online verbreiten: Sind das überproportional viele Jugendliche oder geht es euch eher um die Konsument_innenseite?

Dinar: Der klassische Peer-to-Peer-Ansatz der Jugendarbeit funktioniert eben für die Medienverbreitung auch fürs Schlechte. Eine Studie der LMU in München hat herausgefunden, dass etwa ein Drittel der Jugendlichen Hass-Posting und unseriöse Posts von anderen Jugendlichen erhält. Hass, Diskriminierung und Falschinformation erhalten sie vor allem über Gleichaltrige.

Warum ist das so?

Dinar: Viele Jugendliche machen das nicht bewusst. Viele extremistische Posts sind heute verschleiert. Es ist nicht direkt zu erkennen, dass die Inhalte von rechtsextremen Gruppierungen wie beispielsweise der Identitären Bewegung kommen. Erst einmal kommt das cool und locker rüber. Deshalb ist Deradikalisierung und Präventionsarbeit für diese Gruppe so wichtig.

Ihr habt für das Projekt tatsächlich Profile von Jugendlichen mit einer Tendenz zu Hate Speech, auch die von rechtsextremen Jugendlichen, analysiert und diese angesprochen. Mit welchem Ziel und mit welchem Ergebnis?

Dinar: Es gab ungefähr 50 Ansprachen. Erfolgreich davon waren zwei. Ins Gespräch gekommen sind wir mit mehreren, aber eine soziale Bindung in Form einer pädagogischen Begleitung ist nur bei zwei Jugendlichen entstanden. Wir machen das auch sehr transparent, dass wir Pädagog_innen sind. Schon im Sinne des Kinder- und Jugendschutzes ist das wichtig. Uns bewegt dabei immer die Frage: Wann kann ich den Jugendlichen noch erreichen und wann habe ich es mit einem geschlossenen Weltbild zu tun? Die Ansprache hier kam über Facebook, aber in der Weiterentwicklung unseres Projektes gehen wir weg von Facebook. Wohin verrate ich aber noch nicht.

DeutschPlus richtet sich mit dem Projekt „Vom Ihr zum Wir“ an Jugendliche aus ökonomisch benachteiligten Stadtteilen. Wir holen sie eine Woche im Sommer zusammen, um sie zu stärken. Dabei gibt es Workshops zu ihren Grundrechten, Poetry Slam genauso wie solche zur Berufsfindung. Was ist das Wichtigste, das wir den Jugendlichen zum Thema Hate Speech mitgeben sollten?

Dinar: Viele Jugendliche sind schon längst daran gewohnt, dass es Hate Speech gibt, beispielsweise durch YouTube-Kommentare. Ich würde den Jugendlichen sagen, dass das nichts Normales ist und dass das etwas mit ihnen macht. Und Jugendliche sollten jemanden haben, mit dem sie darüber sprechen. Hier sind Pädagog_innen gefragt. Sie sollten gemeinsam überlegen, was der richtige Weg für die Jugendlichen ist. Bei den Institutionen sehe ich da ganz viel Überforderung. Die sagen dann: Jetzt sollen wir auch noch das machen. Wir sagen: Ja. Digitales und Soziales sind eng verschränkt.

Ein ganz aktuelles Beispiel ist die Initiative „Reconquista Internet“ von Jan Böhmermann. Was hältst du davon?

Dinar: Die Idee ist nicht neu. Das, was Jan Böhmermann da macht, haben andere schon lange versucht – nur bisher ohne Erfolg. Man kann sich da der Love Armee anschließen. Gut finde ich, dass Böhmermann sich dabei aufs Grundgesetz beruft. Man muss mal gucken, dass das nicht verpufft. Es gibt auch die Facebook-Gruppe #ichbinhier. Die machen ähnliche Arbeit. Es ist gut, wenn es verschiedene Akteur_innen gibt, die das verfolgen. Jan Böhmermann schafft es, die Leute für eine gute Sache zu begeistern. Das ist alles nichts Neues, aber es gibt jetzt eine Verbreitung.

Das Interview führte Lena Högemann.

Das Projekt „debate// für digitale demokratische Kultur“ wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Programms "Demokratie leben!" und der Freudenberg Stiftung. Mehr unter: http://debate-dehate.com/

Das Projekt "Vom Ihr Zum Wir" wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Programms "Demokratie leben!" und der Stiftung Mercator gefördert. Mehr unter: http://www.deutsch-plus.de/projekte/vom-ihr-zum-wir/

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