Vom Ihr Zum Wir

Day Of Rights in der Werkstatt der Kulturen

Zum zweiten Mal findet der jährliche DeutschPlus Tag der Grundrechte statt

Leila El-Amaire, Poetry Slammerin von „i,Slam“ , betritt als Erste am frühen Abend des 21. Septembers 2017 die Bühne in der Werkstatt der Kulturen der Welt. El-Amaire führt als Moderatorin durch das Programm. Armaghan Naghipour, Vorstand DeutschPlus e.V., eröffnet den Abend mit dem Hinweis, dass sie Verständnis habe, wenn wir sie „Almagan“ oder „Armageddon“ nennen. Das Publikum lacht. Eis gebrochen. Danach verweist die Anwältin auf die Bedeutung von Namen und Identitäten und dass echte Teilhabe nur funktioniert, wenn wir die Vielseitigkeit des Einwanderungslandes Deutschland anerkennen. Im Publikum nicken die Leute zustimmend: Jugendliche, aber auch Eltern und Pädagog_innen sind gekommen. In den Sitzreihen finden sich auch die Musiker_innen und Künstler_innen von Radio Fawela mit großen Trommeln und seidenen Tüchern. Ein Berliner Künstler_innenkollektiv, gegründet von Menschen ohne Papiere und festen Wohnsitz. Auf der Bühne flimmern Fotos von der HOORAY-Woche. Zu sehen sind 14-19 jährige Schüler_innen der Ernst-Reuter Schule, mal mit Schreibblock, mal mit Japansäge bewaffnet. Auch diesmal wurden die Jugendlichen in Workshops aktiv, wo sie gemeinsam mit dem jüdischen Blogger Shai Hoffmann Texte geschrieben haben oder mit dem muslimischen Gelehrten Mamoun Yacoubi Passagen aus dem Koran dem Grundgesetz gegenüber stellten. Doch auch handwerklich fielen Späne. Aus ausrangierten Schultafeln bauten die Schüler_innen, die momentan noch in Flüchtlingscontainern ausharren, ein eigenes Haus. Das House Of Rights trägt in diesem Jahr die Handschrift der jungen Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, die vor wenigen Monaten noch kein Wort Deutsch sprachen. Und das ist wortwörtlich gemeint. Auf den 19 Tafelwänden prangen die 19 Grundrechte. In einfacher Sprache. Ein Adler aus Tafelkreide gesellt sich in Artikel Eins zur Menschenwürde. In farbenfrohem Gefieder. Bunter Adler statt Bundesadler.


Auf der Bühne präsentiert Gül Şahan, Abiturientin mit türkischem Pass, einen Film, der zeigt, wie sie eine selbstgebaute Wahlkabine über die Berliner Bordsteinkanten schiebt. Anders als bei der echten Wahlurne konnte man in Güls Wahlkabine keine Partei wählen. Dafür standen die 19 Grundrechte auf dem Wahlzettel. Wer sich sein liebstes Grundrecht ausgesucht hat, hat zur Erinnerung einen Ausweis ausgehändigt bekommen, der sie daran erinnern soll, eben dieses Grundrecht zu wahren. Auf dem Ausweis ein Foto des Grundrechtwahrers und der Artikel im Wortlaut. Auf der Rückseite der Bunte Adler mit der Aufschrift: Ich bin Verfassungsschützer_in. Ist das die neue Generation des Verfassungsschutzes?


Höhepunkte gibt es viele an dem Abend. Die Polit-Satirikerin Idil Baydar mahnt als „Integrationsalbtraum Deutschlands“ in der Figur der Kreuzberger Prollgöre Jilet Ayşe zu mehr Toleranz. Als die Aktivistin Kübra Gümüşay, laut Forbes eine der einflussreichsten Bloggerinnen Europas, einen Text über antimuslimischen Rassismus vorträgt, werden die Augen im Publikum feucht. Shai Hoffmann spricht über den Bus der Begegnung, ein Projekt im Vorfeld der Bundestagswahl 2017. Mit tosendem Applaus wird die Tanzdarbietung von Kadir Memiş honoriert. Als Begründer der Breakdance-Gruppe Flying Steps kennt die Szene den Ausnahmetänzer auch unter dem Namen Amigo. Wenn die Würde des Menschen eine Bewegung wäre, wie würde sie aussehen? Memiş zeigt sie uns und lässt dabei ein Glas mit Wasser durch die Luft wirbeln. Abgerundet wird das Event mit einer Jamsession von Radio Fawela, die mit Begeisterung aufgenommen wird.